Chomsky´s Universalgrammatik in der Kritik.

Noam Chomsky (geb. 1928), Philosoph, Linguist und später exponierter Kapitalismus- und Globalisierungskritiker, formulierte in den 60er Jahren erstmals ein hierarchisch aufgebautes System von Sprache. In seinem später immer neu modifizierten Modell postuliert er, dass der Erwerb von Sprache einem universellen System einer begrenzten Zahl von Regeln und einer genetischen Disposition folgt. Er war sehr daran interessiert, Formeln und Algorithmen zu finden, die der natürlichen Sprachbildung und die computergenerierten Sprachen zu Grunde liegen. Jedes Kind also sollte nach Chomsky von Geburt an über die Fähigkeit verfügen, grundlegende Regeln zur Bildung grammatikalisch korrekter Sätze zu bilden. Er ging von einer Universalgrammatik für alle aus. Er begründete seine nativistisch-strukturanalytische Auffassung vor allem mit zwei Argumenten: (a) Die Sprache in der Umgebung des Kindes sei häufig fehlerhaft und informationsarm; (b) Informationen darüber, ob die Umgebungssprache korrekt sei, würden in der Kommunikation des Kindes weitgehend fehlen. Da also Kinder in der Regel im Spracherwerb auf sich selbst gestellt seien, würden sie dennoch Sprache schnell und fehlerarm erwerben. Das sei nur deshalb möglich, weil Kinder über angeborene Kompetenzen verfügen.

Chomsky´s Theorie stehen nun zunehmend mehr Forschungsergebnisse gegenüber, die zeigen, dass seine Annahmen auf viele andere Sprachen nicht zutreffen. Sie gehen hingegen davon aus, dass Kinder einfachste Bausteine der Grammatik erlernen, z.T. mit Hilfe prosodischer Fähigkeiten, deren Erlernen schon vor der Geburt beginnt. Im Weiteren werden Betonungen, Laute, Wörter und grammatikalische Regeln durch die Häufigkeit der Darbietung von außen und durch Verallgemeinerungen erlernt. Dadurch trägt die Grammatik dazu bei, die Bedeutung der Wörter zu prägen. Besonders wichtige Rollen spielen Aufmerksamkeit, soziale Interaktion und die Kapazität des Arbeitsspeichers. Solch ein, allerdings noch nicht immer schlüssiger Ansatz stellt der „gebrauchsorientierte Ansatz“ von Michael Tomasello dar.

Einen sehr pragmatischen Ansatz verfolgt Patricia Kuhl: Werfen Sie einen Blick auf ihre Theorie des frühen Spracherwerbs und schauen Sie sich den Vortrag von Patricia Kuhl (Institute for Learning and Brain Sciences, University of Washington) an oder lesen Sie Language and the Infant Brain.

Die Frage, ob ein Kind ein spezifisches Sprachmodul zum Erlernen von Sprache braucht, oder ob es mit seinen angeborenen und erworbenen kognitiven Fähigkeiten auskommt, ist allerdings schon viel länger gestellt worden. Chomsky hat sich 1959 in einer Rezension von Burrhus Frederic Skinners Buch „Verbal Behavior“(1957) gegen dessen verhaltensanalytischen Ansatz gewandt. Das Kind, so Skinner damals, sei veranlagt, aus Erfahrungen zu lernen. Vorbedingungen sind Merkmale der Umwelt, das Sprachverhalten anderer Personen und der motivationale Zustand des Kindes. Skinner unterscheidet direkte Konsequenzen auf das verbale Verhalten (z. B. Handlungen) und indirekte Konsequenzen (z. B. soziale Reaktionen), die einen sprachlichen Stimulus verstärken oder abschwächen können. Im Gegensatz zu vielen Veröffentlichungen, die Skinner auf ein Reiz-Reaktions-Schema reduzieren, hat er selbst die Rolle der sozialen Interaktion als einen wesentlichen Auslöser und Motor der Sprachentwicklung betont. Laut Skinner basieren Sprechen (Sprachproduktion) und Zuhören (Sprachverstehen) auf zwei unterschiedlichen Systemen, eine noch heute aktuelle Position. Das Lernen in dem einen System kann zwar das Lernen in dem anderen System erleichtern, muss aber vor allem unter den Gesichtspunkten der Motivation, der Stimuli und Antworten und der Konsequenzen gesehen werden.

Literatur:

Ibbotson, P. & Tomasello, M. (2017): Ein neues Bild der Sprache. Spektrum der Wissenschaft, 3.17, 12-17.

Tomasello, M. (2003): Constructing a Language: A Usage-Based Theory of Language Aquisition. Harvard University Press, Cambridge.

Schöler, H. (2014): Skinner und Chomsky: zwei Protagonisten der Spracherwerbsforschung. In: L. Ahnert (Hrsg.): Theorien in der Entwicklungspsychologie. Springer, Berlin.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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