Computer lernen wie Kinder (… aber Kinder nicht wie Computer)

Das ist der Titel eines Aufsatzes der Psychologin Alison Gopnik von der University of California im Spektrum der Wissenschaft (4.18, 74-79), der neue Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz (KI) beschreibt.

Kleine Kinder schaffen es, in kurzer Zeit, z. B. während des Wortschatzspurts im dritten Lebensjahr, große Mengen an Informationen zu verarbeiten und zu speichern. Dabei werden ja nur einzelne Schalldruckwerte analysiert und im Gehirn repräsentiert. Dennoch reichen die Fähigkeiten von noch so leistungsstarken Computern, solche Daten zu digitalisieren und zu speichern, nicht an die Fähigkeiten des neuronalen Netzwerks eines kindlichen Gehirns heran. Frühere Modelle, Denkstrukturen von Kindern nachzuahmen, gingen von Bottom-up-Lösungen aus: Aus Rohdaten wie z. B. sprachlichen Bausteinen lassen sich von unten nach oben Muster und schließlich Begriffe bilden, indem mehrere Schichten von Schaltkreisen übereinander gelegt werden („tiefe Netze“, „Deep Learning“). Das System vergleicht dabei neue Informationen mit bereits erworbenen Daten. Diese Art des Lernen sortiert im Laufe der Zeit Relevantes und Unbrauchbares und stellt Beziehungen zwischen den Wörtern her, sucht nach Oberbegriffen und erkennt Bedeutungsmuster. So kann ein Computer wie ein Kind Bild- und Spracherkennung beherrschen oder ein Schachspiel gewinnen.

Was Bottom-up-Strategien schlecht lernen, kleine Kinder jedoch weitgehend mühelos, sind die Erstellung von Hypothesen, die Einbeziehung und Wertung von abstrakten Wörter oder Emotionen („Gier“, „Glück“), moralischer Wertungen („Betrug“) oder die Erstellung und Einordnung von Assoziationen, Kausalzusammenhängen und Gedankenketten. Hierfür eignen sich Top-down-Modelle wesentlich besser. Diese Art des Lernens braucht weniger Beispiele und kann leichter verallgemeinern, benötigt aber viel mehr Vorarbeit.

Auch die Kombination beider Lernwege ist im augenblicklichen Stand noch sehr eingeschränkt, wenn man sie mit den Fähigkeiten kleiner Kinder vergleicht. Insofern stellt Künstliche Intelligenz noch keine Bedrohung für den menschlichen Geist dar. Prof. Gopnik beschließt den Artikel mit diesen Sätzen: „Aber es gibt etwas, das weitaus gefährlicher ist als künstliche Intelligenz: Natürliche Dummheit. Wir Menschen müssen uns viel geschickter als in der Vergangenheit anstellen, wenn wir mit neuen Technologien umgehen wollen“.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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