Die Blanko-Verordnung – der direkte Zugang zur Therapie?

Die Auswertung eines Modellvorhabens des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten (IFK e.V.) und der BIG direkt gesund Krankenkasse ergeben: Blankorezepte für die Physiotherapie führen zu ebenso guten Ergebnissen wie ärztlich verordnete Therapien. Dabei diagnostizierte und verordnete der Arzt die Therapie auf einem Blankorezept. Art, Dauer und Frequenz der Therapie aber lagen in Händen der Physiotherapeuten. Darüber berichtet Christian Beneker bei Medscape.

An der Studie der BIG Krankenkasse und der IFK nahmen 630 Teilnehmer mit Rückenschmerzen und Schmerzen an den unteren Extremitäten teil. 334 Patienten stellten die Modellgruppe, 296 die Kontrollgruppe. Die Ergebnisse der beiden Gruppen sind vergleichbar bzgl. Schmerzintensität, subjektiver Lebensqualität, Kosten, Behandlungsdauer und Behandlungshäufigkeit. Das zeigt: Physiotherapie wirkt und es ist unerheblich, ob die Verordnung vom Arzt kommt. „Im europäischen Ausland, etwa in Holland oder Schweden, aber auch in Australien, ist der Direktzugang längst möglich“, sagt Ute Merz, Physiotherapeutin und Sprecherin des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e.V..

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) ist von diesem Weg offenbar noch nicht überzeugt. „Damit Patienten die bestmögliche Behandlung erhalten, ist es wichtig, dass eine Ärztin oder ein Arzt eine umfassende Diagnose stellt, bevor eine Physiotherapie begonnen wird“, antwortet das BMG auf eine entsprechende Anfrage von Medscape. „Sie können andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausschließen oder verschiedene Behandlungsalternativen abwägen. Das ist ein wichtiges Stück Sicherheit für die Versicherten.“

Allerdings haben sich die Gesundheitsministerkonferenz der Länder und der Gesundheitsausschuss des Bundesrates längst für Modellvorhaben des Direktzugangs ausgesprochen. Aber die Forderungen haben es nicht in die Gesetzgebung geschafft. Das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) vom März vergangenen Jahres verpflichtet die Kassen lediglich, mit den Verbänden der Heilmittelerbringer in jedem Bundesland Modellvorhaben zur Blankoverordnung abzuschließen. „Um zu entscheiden, ob diese Versorgungsform für eine Überführung in die Regelversorgung geeignet ist, ist aber eine breitere Informationsgrundlage notwendig, teilt das BGM mit. „Deshalb soll in jedem Bundesland ein Modellvorhaben durchgeführt werden.“

Somit wären Blankoverordnung und entsprechende Modellversuche mit definierten Störungsbildern auch für die Sprachtherapie möglich. Wie wäre das, wenn beispielsweise Elternberatung für kleine Kinder mit verspätetem Sprachbeginn mit solch einer Verordnung durchgeführt werden könnte?

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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