Einflussfaktoren auf Therapiewirkung in der Kindersprachtherapie

Ein kritischer Blick auf traditionelle Annahmen in der Logopädie

Autorinnen: Julia Siegmüller, Lara Höppe

in: Forum Logopädie, Heft 1 (31), Januar 2017, 14-19

Die Arbeit ist das Ergebnis zahlreicher Studien aus dem LIN.FOR, dem Logopädischen Institut für Forschung an der Europäischen Fachhochschule in Rostock. Die Autorinnen setzen sich kritisch mit traditionellen Prämissen der Logopädie auseinander. Hier eine Zusammenfassung, die die Lektüre dieser sehr interessanten Arbeit nicht ersetzen will.

Erste Tradition „Dosisfrequenz“: Zweimal oder mehrmals pro Woche ist besser als einmal pro Woche, oder häufig „je mehr desto besser“.

Eine Antwort ergibt sich aus zwei Arbeiten zur Wortschatztherapie bei mind. 24 Monate alten Kindern und zur Verbzweitstellung bei Kindern mit mind. 36 Monaten.

Wortschatztherapie: Sie zeigt, dass die Kinder, die alle 4 bis 7 Tage Therapie erhielten, signifikant weniger Sitzungen brauchten, um das Therapieziel zu erreichen, als die Kinder, die maximal einmal pro Woche Therapie erhielten. Die Therapie ist also wirtschaftlich günstiger, da weniger Sitzungen verordnet werden müssen. Dagegen zeigen die Daten, dass die Kinder, die häufiger als alle 4 Tage zur Therapie kommen, nicht noch weniger Sitzungen brauchen als die Kinder der mittleren Gruppe.

Verbzweitstellung: Im Projekt zeigte sich die optimale Dosisfrequenz, wenn die Therapie alle 9,8 Tage stattfindet.

Zweite Tradition „Je eher je besser“: Je jünger das Kind ist, wenn die Therapie beginnt, desto besser.

Wenn „kritische Phasen“ oder „Zeitfenster“ für bestimmte Erwerbsprozesse angenommen werden, so liegt die Vermutung nahe, dass ein weiteres Abwarten eher zu einer stärkeren Einschränkung und einer Behinderung der Therapie führen sollte als eine schnelle Intervention. Ein Beleg stammt aus der frühen Wortschatztherapie und weist nach, dass input­orientierte Wortschatztherapie bei Late Talkern schneller zum Ziel führt, wenn die Kinder bei Therapiestart noch unter 3 Jahren alt sind. Für die inputorientierte Therapie der Verbzweitstellung ergibt sich ebenfalls ein Alterseffekt. Ist ein Kind bei Therapiebeginn jünger als 4:6 Jahre, braucht es weniger Sitzungen, um die Verbzweitstellung zu erwerben, als wenn es älter ist. Gerade bei der Therapie der Verbzweitstellung ist dies für die momentane Verordnungssituation problematisch, da die Kinder häufig als Folge der U8 Vorsorgeuntersuchung zur Logopädie geschickt werden. Es wird deutlich, dass willkürlich gesetzte Parameter, nach denen tagtäglich Therapien geplant und durchgeführt werden – und die sich durchaus als gut erwiesen haben – nicht die optimalen sein müssen und von der logopädischen Therapieforschung hinterfragt werden sollten

Dritte Tradition „Festigung“: Therapien müssen idealerweise bis zur Fehlerfreiheit fortgesetzt werden.

 Dies bedeutet, dass eine angebahnte und bewusst erlernte Routine durch Festigung in eine automatisierte Anwendung überführt wird. Erwartet wird, dass durch die Automatisierung die Fehlerfrequenz bei der Anwendung abnimmt und sich so die eingeübte Routine in die Spontansprache überträgt. Die Daten nach Ende der Therapie  zeigen, wie sich die Impulse aus der Therapie in der Spontansprache niederschlagen. Beide Studiengruppen erhielten flexible Therapie, d.h. auch die Übungen bestanden nicht ausschließlich aus Strukturen der Art Subjekt Prädikat Objekt. Trotzdem zeigt sich, dass die Kinder, die Übungen erhielten, mehr bei Sätzen mit Subjekt Prädikat Objekt Struktur verharrten und ihre Kompetenzen, andere Satzteile als das Subjekt in die erste Position im Satz zu setzen, nicht zeigten. Die Kinder aus der Gruppe mit Inputverstärkungen waren dagegen flexibler und nutzten die ganze Bandbreite der deutschen Satzstrukturvarianten. Inputverstärkungen führen nicht zu Übungseffekten, sondern geben Impulse, die den Hinweisreizen, aus denen ungestörte Kinder ihre Grammatik entwickeln, näher kommen als Übungen, wie gut diese auch aufbereitet sein mögen. Übungen sind keine natürlichen Spracherwerbsinstrumente und können damit auch nur einen Teil der Effekte bewirken, die der natürliche Spracherwerb bereithält. Daher können Therapien mit Inputverstärkungen zu einem Zeitpunkt beendet werden, an dem das Kind noch keine Fehlerfreiheit zeigt. Übungsorientierte Therapien dagegen ziehen weniger Eigenentwicklungsprozesse nach sich und brauchen daher mehr Zeit, was sie teurer und ineffizienter macht.

 „So sehr sich einzelne Leser über diese Ergebnisse ärgern könnten“, so schließt der Artikel, „so sehr unterstreicht diese Arbeit, wie notwendig eine intensive Therapieforschung ist.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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