Fachkräftemangel in den Heilberufen

Eine ausführliche Bestandsaufnahme dieses Themas findet sich schon 2017 im Beitrag von Volker Maihack in Logos (Ausg. 4, 276-283). Hat sich seither etwas zum Guten geändert? Nein. Im Gegenteil. Der Fachkräftemangel besteht in zahlreichen Berufen, darunter auch in den Therapieberufen und bei Ärzten. 2016 arbeiteten ca. 29.000 Sprachtherapeuten in Deutschland, davon etwa die Hälfte als Teilzeitbeschäftigte. Der Frauenanteil beträgt 94%. Die Heilmittelausgaben betreffen nur 3,1% des Gesamtbudgets des Gesundheitswesens, und davon entfallen 11% auf die Sprachtherapie. Diese Zahl der prozentualen Aufwendung bleibt seit Jahren ziemlich konstant. Dementsprechend sinkt das Brutto-Durchschnittseinkommen für Logopäden und Sprachtherapeuten im Vergleich zur Gesamtlohnentwicklung in den letzten 10 Jahren um 15%!

Die Zahl der AbsolventInnen von Ausbildungsgängen der Sprachtherapie/Logopädie sinkt kontinuierlich, bis zum Schuljahr 2015/2016 um 10% (in der Ergotherapie um 30%!). PraxisinhaberInnen oder Kliniken brauchten 2016 durchschnittlich 134 Tage, um eine vakante Stelle neu zu besetzen. Von ersten Praxisschließungen wird berichtet. Die demographische Entwicklung lässt auch keine Hoffnung auf nachkommend junge Kollegen zu: 23% der Sprachtherapeuten waren 2015 älter als 50 Jahre.

Daraus ergibt sich eine immer schlechtere Attraktivität der Heilberufe, zumal dann, wenn man die gestiegenen Kosten für die Ausbildung einberechnet. Die Robert-Bosch-Stiftung legte schon 2013 eine Überarbeitung der Kompetenzen der Heilmittelerbringer nahe. Dazu gehören auch die zunehmende Akademisierung der Ausbildung (bei noch unklarer Kosten-Nutzen-Relation), die verbesserten Qualifikationen und die notwendige Steigerung der Eigenständigkeit und Eigenverantwortung. Eine Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren des Gesundheitswesens „auf Augenhöhe“ ist ein wichtiges Ziel der gegenseitigen Wertschätzung. Ohne eine Veränderung der beruflichen Strukturen, (z.B. Direktzugang der Patienten zu Therapieangeboten, Delegation ärztlicher Leistungen), ohne eine verbesserte Vergütung und ohne gesundheitspolitische Veränderungen wird die Abwanderung und Austrocknung der Heilberufe nicht zu stoppen sein.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.