Früh abgehängt

„Früh abgehängt“ ist der Titel eines SPIEGEL Beitrags vom März 2018[1]. Darin steht u.a.: „Zweisprachig aufzuwachsen könnte ein großer Vorteil sein“. Wenn allerdings der Anteil der Kinder mit verschiedenen Nationalitäten und Religionen sehr hoch wird, dann konzentrieren sich in Kitas und Schulen Kinder aus Problemvierteln mit hoher Arbeitslosigkeit der Eltern und Armut. „Fast 70 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund in Großstädten besuchten Grundschulen, an denen mehrheitlich Zuwanderer und sozial benachteiligte Schüler lernen, stellte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) fest.“ In Berlin und Bremen beträgt der Anteil der Grundschulen, bei denen die Mehrheit der Kinder zu Hause kaum Deutsch spricht, über 40%.

Viele Kinder haben mehrere soziale Risikofaktoren: Eltern erwerbslos, Eltern mit geringem Einkommen, Eltern mit niedriger Bildung, Eltern mit labilen Bindungs- und Integrationsbedingungen. Diese Kinder werden früh abgehängt. Bildung und insbesondere die Sprachentwicklung sind defizitär und mit zunehmendem Alter klafft die Schere immer weiter.

Was bedeutet das für unsere Arbeit? Zum einen wird es mehr und mehr Kinder geben, die ein Rezept für eine logopädische Behandlung bekommen, und bei denen bereits die Diagnostik schwierig ist: die Einschätzung der Einflüsse der sozialen Umgebung, der niedrigen Bildung oder die Bedeutung der Mehrsprachigkeit. Bei diesen Kindern werden auch die Grenzen der medizinischen Indikation, der Leitungspflicht der Krankenkassen und der Zusammenarbeit mit PädagogInnen und SozialarbeiterInnen neu zu diskutieren sein. Vielleicht wird es auch bald LogopädInnen geben, die teilweise in Kitas und Schulen arbeiten.

Zum anderen kommen jetzt schon schwierige Aufgaben auf die PädagogInnen zu, andere und zusätzliche Aufgaben der sozialen Integration und der Bildung. Und sie sind gefordert, schwierige soziale Bedingungen oder Vernachlässigung zu erkennen, auf Eltern mit multikulturellem Hintergrund zuzugehen und mit Sozial- und Jugendämtern zu kooperieren, mehr noch als bisher.

Und es braucht zusätzliche Ressourcen und neue Wege. Hat doch das Projekt „Schulreifes Kind“[2] in Baden-Württemberg zeigen können, dass eine Zusatzförderung der förderbedürftigen Kinder und ein Coaching der ErzieherInnen dazu führen kann, dass die Bildungs- (und Leistungs-) Unterschiede bedeutsam verringert werden: Die sprachlichen Leistungen verbesserten sich, aber auch die Aufmerksamkeit und die Vorläuferfähigkeiten von mathematischen und schriftsprachlichen Leistungen.

Dass zusätzliche Anstrengungen nötig sind, zeigt auch die neue Auswertung der PISA Daten von 2015[3]: „Unterschiede bei der sozialen und wirtschaftlichen Herkunft können mehr als ein Fünftel der Kluft zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und einheimischen Schülern beim Erreichen der Basiskompetenzen erklären. Sprachkenntnisse sind ebenfalls entscheidend: Schüler mit Migrationshintergrund, die zu Hause nicht die Sprache des Aufnahmelandes sprechen, schneiden im PISA-Test um etwa acht Prozentpunkte schlechter ab, als Schüler mit Migrationshintergrund, die auch zu Hause in der Unterrichtssprache kommunizieren.“

Die gewandelten sozialen Bedingungen setzen Signale Richtung Ganztagsschule, bald auch in Richtung Ganztags-Krippe und –Kita? Einen Schritt dorthin wird Frankreich gehen. Vor wenigen Tagen verkündete Staatschef Macron die Schulpflicht für Kinder ab drei Jahren[4]. So neu und anders ist das nicht, geht doch die Mehrheit aller französischen Kinder jetzt bereits ab drei Jahren in die „Ecole maternelle“. Das Ziel: „Sprachschwierigkeiten sollen dabei gemindert werden und die Kinder sollen das soziale Miteinander lernen. Jungen und Mädchen, die keine Windel mehr brauchen, können sogar schon vorher eingeschult werden. Für die französische Vorschule müssen Eltern nicht zahlen – anders als für die Kinderbetreuung.“

Aber das muss nicht das Allheilmittel sein. Es geht auch anders: Im beim PISA Test besonders erfolgreichen Finnland beginnt die Schulpflicht erst für Siebenjährige.

[1] Der SPIEGEL Nr. 14/31.03.2018

[2] Hasselhorn, Ehm, Schneider & Schöler (2015): Das Projekt „Schulreifes Kind“. Göttingen: Hogrefe

[3] https://bildungsklick.de/internationales/meldung/schueler-mit-migrationshintergrund-brauchen-mehr-unterstuetzung/

[4] http://www.sueddeutsche.de/bildung/bildung-in-frankreich-schulpflicht-fuer-kinder-ab-drei-jahren-1.3924485

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.