Spätsprecher: Wie geht es nach dem dritten Geburtstag weiter?

Es ist noch gar nicht so lange her, da galten alle möglichen Kinder als „SEV-Kinder“. Seit es den „Spätsprecher“-Begriff gibt, werden Kinder mit SEV (= verzögerter Spracherwerb) nun als Late-Talker (LT) bezeichnet: Kinder, die mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter sprechen oder keine Wortkombinationen bilden. Als Spätsprecher gelten sie noch bis zum 36. Lebensmonat. Mindestens 15% aller Kinder sind davon betroffen. Kinder mit Sprachstörung als einer Spracherwerbsstörung werden nach der AWMF-Leitlinie für „Umschriebene Sprachentwicklungsstörung (USES)“ definiert. Kinder mit Sprachauffälligkeiten, die unterdurchschnittliche Leistungen in der Sprache aufweisen, aber nicht die Kriterien einer USES erfüllen, gelten als Kinder mit „Sprachschwäche“. So weit, so gut.

Wie entwickeln sich Spätsprecher denn weiter? Wie viele von ihnen holen spontan auf? Waren alle USES Kinder LT? Bisher galt die Drittel-Regel: Ein Drittel der LT-Kinder holt spontan und vollständig auf, ein Drittel von ihnen blüht spät auf („Late-Bloomer“), bleibt aber sprachschwach, und das letzte Drittel wird mit 36 Monaten (Oder eher? Oder später?) als Kind mit einer Sprachstörung in eine sprachtherapeutische Behandlung kommen. In Logos (S. 256-264) vom Dezember 2016 veröffentlichen Kühn, Sachse und von Suchodoletz eine der ganz wenigen Längsschnittstudien, von 43 Spätsprechern, 25 Grenzfällen und 38 Kontrollkindern, die im Alter von 2;1, 3;1, 4;7 und 5;10 Jahren untersucht wurden. Late Talker waren in dieser Studie Kinder, die im Fragebogen ELFRA-2 und im Sprachtest SETK-2 verzögert waren. In die Gruppe der Grenzfälle wurden Kinder aufgenommen, die im ELFRA-2 einen Wortschatz von 50-80 hatten oder im ELFRA-2 und SETK-2 unterschiedlich eingestuft wurden. Alle Kinder hatten im SON-R eine normale nonverbale Intelligenz.

Die Ergebnisse bestätigen die Drittel-Regel knapp: Ein Drittel der Late Talker-Kinder hatten im späten Vorschulalter Sprachschwächen und 19% eine USES. Kinder, die im Alter von 24 Monaten grenzwertige Befunde hatten („Grenzfälle“), zeigten kurz vor Einschulung eine normalisierte Entwicklung. Das Aufholen und „Aufblühen“ geschieht meist im dritten Lebensjahr. Diese brauchen keine pädagogische Förderung oder Therapie, aber eine aufmerksame Begleitdiagnostik des Sprachverlaufs. Die bisherigen Cut-offs des ELFRA bestätigen sich somit. LT-Kinder, die später USES haben, haben dann natürlich nicht nur einen eingeschränkten Wortschatz sondern auch Beeinträchtigungen in anderen Bereichen, z. B. in der Grammatik, im Sprachverständnis und im phonologischen Kurzzeitspeicher.

Und auch in einem anderen Punkt bestätigen sich die Erfahrungen anderer Studien: Nicht 100% aller USES-Kinder hatten mit 24 Monaten einen Late-Talker-Status. Aufgrund der geringen Gruppengrößen ließ sich dazu keine Aussage machen. Aber die Autoren betonen in ihrer Diskussion, dass 40-50% aller Kinder mit USES im Alter von drei Jahren keine Spätsprecher sind. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Einschränkung der LT-Definition auf ein Wortschatzdefizit ein unvollständiges Kriterium darstellt. Also: Wenn ein Kind nicht late talked, ist das noch kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Sprachscreenings im Alter von drei und vier Jahren unter Einschluss von Grammatik, Sprachverständnis und phonologischem Kurzzeitspeicher sind für alle Kinder notwendig.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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