Sprachtherapie mit mehrsprachigen Kindern

Frau Prof. Dr. W. Scharff Rethfeldt ist den Teilnehmern von Forum Kindersprache bekannt. 2017 referierte sie bei uns über „Diagnostik und Therapieindikation bei kulturell und linguistisch diversen Kindern“. Kürzlich hat sie im Forum Logopädie (Heft 6 (31) November 2017, S. 18-23) in einem Beitrag mit dem Titel „Evidenzen zu Empfehlungen undAnsätzen in der Sprachtherapie mit mehrsprachigen Kindern“ darauf hingewiesen, dass die Grundlagenforschung zu Sprachentwicklungsstörungen auf der Untersuchung einsprachiger Gruppen basiert. „In Deutschland sind dabei sprachtherapeutische Maßnahmen im logopädisch-ambulanten Setting von (früh-)pädagogischen Maßnahmen der Sprachförderung grundsätzlich zu unterscheiden“. Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung (SES) benötigen angesichts der sehr unterschiedlichen Defizite eine individualisierte Therapie. Selbst von dem „Angebot eines optimal aufbereiteten, aber generalisierten Sprachangebotes“ im pädagogischen Kontext können sie nicht ausreichend profitieren.

Sprachstörungen treten international mit einer Prävalenz von 7% auf. Daraus lässt sich errechnen, dass in Deutschland „rund 173.600 Kinder mit Migrationshintergrund im engeren Sinne im Alter von 0-10 Jahren … betroffen sind“. Fachspezifisches Wissen, Theorien, Modelle, Konzepte zur Sprachtherapie bei SES sowie Empfehlungen zur Beratung von Bezugspersonen basieren vorrangig auf einsprachigen Normen und westlichen kulturellen Standards. In der konkreten Situation in unserem Land kann man nicht erwarten, dass LogopädInnen für alle Sprachen zur Verfügung stehen. Vielmehr wurde oft davon ausgegangen, dass ein Kind überfordert sein könnte, wenn es in mehr als einer Sprache therapiert würde. Dementsprechend wird Eltern und anderen Bezugspersonen geraten, bei einer Sprache zu bleiben und darauf zu achten, Sprachen nicht zu mischen. „Dabei liegen keine Studien vor, die belegen könnten, dass eine konsequente Sprachentrennung und/oder die Reduktion von Sprachmischungen förderlich für die Sprachentwicklung wären – vielmehr scheint eine sich daran orientierende Sprachpraxis sogar kontraproduktiv zu sein“. Also sollten Erkenntnisse, dass ein natürliches Sprachverhalten einschließlich eines Wechsels der Sprachen eher förderlich auf die sprachliche Entwicklung wirken, in die Überlegungen zur logopädischen Intervention und der Beratung von Bezugspersonen und von pädagogischem Fachpersonal einfließen.

In der vorliegenden Arbeit werden einige relevante und hochwertige Studien zur Intervention bei mehrsprachigen Kindern mit SES zusammengestellt. „Die vorliegenden Evidenzen tendieren weg von der Wahl nur einer Sprache. Es wird deutlich, dass mehrsprachige Kinder mit SES von einer parallelen oder sequenziellen Therapie in beiden (allen) Sprachen profitieren“. Interventionen, die ausschließlich das Lexikon und/oder morpho-syntaktische Fähigkeiten der Zweitsprache fokussieren, resultieren auch nur in der Zweitsprache. Liegt der Fokus hingegen auf Erst- und Zweitsprache, zeigt sich eine Verbesserung in beiden Sprachen.

Er konnte ferner gezeigt werden, dass der Behandlungsbeginn in der stärkeren Sprache zu insgesamt besseren narrativen Sprachfähigkeiten führt. Der Behandlungsbeginn in der schwächeren Sprache hingegen wirkte sich positiv auf die semantischen Fähigkeiten in beiden Sprachen aus. Eine Erklärung könnte der eher einseitige Transfer von der schwächeren in die stärkere Sprache sein, während sprachgesunde bilinguale Kinder bidirektional gleichmäßige Transfers zeigen.

Die vorliegenden Evidenzen zeigen, dass ein Transfer von in der Zweitsprache behandelten Sprachleistungen in die Erstsprache bei mehrsprachigen Kindern mit SES zwar möglich ist, jedoch lassen sich weniger Transferleistungen beobachten als bei mehrsprachigen Kindern ohne SES.

Die Evidenzen weisen ferner darauf hin, dass der Transfer der in der Therapie bearbeiteten Inhalte nicht für alle Bereiche gilt. So muss man feststellen, dass die Arbeit am Lexikon nicht zu positiven Effekten in der nicht behandelten Sprache führt. Auch zeigte sich in jeder dieser größeren Studien, dass das verbesserte Wortwissen in der jeweils behandelten Sprache auf die behandelten Items begrenzt und die Therapieerfolge nur kurzfristig waren. Dennoch lassen sich positive Transfers in die unbehandelte Sprache auf einer abstrakteren Ebene feststellen, sofern in der Therapie sprachübergreifende bzw. sämtlichen Sprachen zugrunde liegende Fähigkeiten (z.B. narrative Fähigkeiten) behandelt wurden.

Neben der betreffenden Sprachenkombination und somit den beteiligten Sprachstrukturen hängt der Transfer daher auch vom Ausmaß der Störung, von der Motivation der Beteiligten und von der Gelegenheit zur Anwendung des Erlernten ab. Die Einbindung von Eltern als Vertreter der Erstsprachen kann wirksam sein kann. Erfahrungen aus der klinischen Praxis zeigen jedoch, dass die Elternbeteiligung individuell erheblich variiert. Eltern, die sich bewusst für eine Therapie im bilingualen Kontext entscheiden, können sehr hilfreich sein, wenn sie Techniken lernen, die sie dann in der Erstsprache im familialen Kontext einsetzten, um die Zweitsprache gezielt zu fördern.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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