Wann lernen Babys das Wortverständnis?

Es ist weitgehend anerkannt, dass das Erlernen von Wörtern mit der Wahrnehmung von einfachen sprachlichen Signalen beginnt: Konsonanten, Vokale und deren Kombinationen als grundlegende Bausteine. Lange Zeit hat man geglaubt, dass Säuglinge Wortbedeutungen mit 9-15 Monaten lernen. Offensichtlich beginnt jedoch das Verstehen von Wörtern eher als gedacht. „Kinder lernen sehr früh, was Worte bedeuten“, sagt Elika Bergelson, Professorin für Psychologie an der Duke University in  North Carolina. Sie stützt sich dabei auf die Ergebnisse von zwei Studien.

2012 veröffentlichte sie bei PNAS eine Arbeit mit dem Titel „At 6–9 months, human infants know the meanings of many common nouns“, in der sie feststellte, dass 6-9 Monate alte Säuglinge bereits zu den richtigen Wortkarten schauen, wenn eine davon von einem Elternteil benannt wird.

Eine weitere Arbeit, die im Dezember 2017 bei PNAS erschien, hat den Titel „Nature and origins of the lexicon in 6-mo-olds“. Bei 6 Monate alten Babys wurden wiederum die Augenbewegungen verfolgt, wenn sie auf Bildpaare schauten. Die Bildpaare bezogen sich auf Nahrungsmittel und auf Körperteile. Die Kinder saßen auf dem Schoß eines Elternteils und wurden beispielsweise gefragt: „Wo ist der Apfel?“ In einem zweiten Teil befanden sich die Objekte in einer natürlichen Umgebung. In beiden Fällen fixierten die Kinder solche Wortpaare signifikant länger, die keinen Bedeutungs-zusammenhang hatten (z. B. Milch und Fuß statt Milch und Saft). Offensichtlich werden „Milch“ und „Saft“ schon sehr früh in einen gemeinsamen Bedeutungszusammenhang eingebunden, während ein „Fuß“ in diesem Zusammenhang „merkwürdig“ erscheint. Übrigens nahm die Lernkapazität dieser Bedeutungen in den kommenden drei Monaten nicht zu, sondern erst bei 12-14 Monate alten Kindern.

Und wie gelingt das Lernen von Wortbedeutungen in der häuslichen Umgebung, außerhalb von Laborbedingungen? „Wenn die Objekte, über die gesprochen wurde, auch zu sehen waren, wuchs das Verständnis,“ so Bergelson. Wenn also die Eltern „hier ist mein Lieblingsstift“ sagten und dabei den Stift in die Höhe hielten, lernten die Kinder etwas über Stifte auf der Basis des Gesehenen. Wenn die Eltern aber „morgen gehen wir zu den Löwen im Zoo“ versprachen, begriffen die Kinder nicht sofort, was „Löwe“ bedeutet.

So schrecklich neu ist diese Erkenntnis nicht für all diejenigen von uns, die etwas über triangulären Blickkontakt wissen. Neu ist allenfalls das Bewusstsein, wie früh dieses Dreieck schon funktioniert. Bei aller Anerkennung äußerte sich auch Marilyn Vihman, Professorin für Linguistik an der University von York im „Guardian“ ein wenig kritisch: „Die Ergebnisse bedeuten aber nicht, dass sechs Monate alte Säuglinge „wissen“, wie Wörter miteinander verbunden sind“. “All the food words come in the same meal-time situation, all the clothing words and body-part words come in the same nappy-changing and clothes-changing situation. All those words are going to be related to each other in the child’s experience and they haven’t sorted them out yet,” sagte sie.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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