Was kommt jetzt statt „Sprachentwicklungsstörung“?

Eine einheitliche Definition und Terminologie ist für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im deutschsprachigen Raum und international unabdingbar. Eine Diskussion zu einer neuen Terminologie finden wir in einem Interview mit Prof. Dr. Christina Kauschke (Klinische Linguistik, Universität Marburg), veröffentlicht in Logos (2018, 196-199).

Was einmal in der ICD 10 „Umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache“ war, soll nun laut „Weltverband für Logopädie und Phoniatrie (IALP)“ zur „Spezifischen (primären) Sprachentwicklungsstörung“ werden. Ist das jetzt wirklich besser? Immerhin wurden die Abkürzungen SSES (Spezifische Sprachentwicklungsstörung) und USES (Umschriebene Sprachentwicklungsstörung) verkürzt, und zwar auf SES. Auf Deutsch. Und im international gebräuchlichen Englisch? Da wurde das SLI (Specific Language Impairment) ersetzt durch DLD (Developmental Language Disorder). Was ist der Unterschied? DLD (= SES) schließt begleitende Fehlentwicklungen nicht mehr aus, z. B. Einschränkungen im kognitiven Bereich oder im Verhalten, während die Begriffe „Umschrieben“ und „Spezifisch“ suggerierten, dass ein Kind neben dem gestörten Spracherwerb in jeder anderen Hinsicht altersentsprechend entwickelt ist.

Und was ist mit solchen Sprachstörungen, die auf neurologischen und biomedizinischen Ursachen beruhen, wie z. B. genetische Syndrome, Hirnerkrankungen oder –verletzungen, Autismus, Hörstörungen etc.? Diese Gruppe könnte nun bezeichnet werden mit „Sprachentwicklungsstörung assoziiert mit …“, schlägt Prof. Kauschke vor. Mangelnder Input aus der „Umgebung“ könnte dann als „Umgebungsbedingte Sprachauffälligkeit“ bezeichnet werden. Prof. Kauschke: „Sie gehören in den weiter gefassten Kreis der kindlichen Sprach-, Sprech- und Kommunikationssauffälligkeiten, international nun SLCN genannt: ‚Children with speech, language, and communication needs.´“ Ihre Vorschläge für eine deutsche Terminologie sind in einer Grafik zusammengefasst, die wir oben wiedergeben.

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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