Zur Evolution von Sprache

Vielleicht werden wir diesen Titel ja mal bei einem Referat im kommenden Forum Kindersprache hören? Was meinen Sie? Bis dahin ein wenig aus der neuesten Fachliteratur:

Chet C. Sherwood ist Anthropologe an der George Washington University in Washington. Er forscht über die Evolution des Primatengehirns. Aus dem schönen Beitrag in Spektrum der Wissenschaft (4/2019) ist die oben dargestellte Abbildung eines Schimpansengehirns und eines Menschengehirns. Ich hoffe, dass Sie gut erkennen können, welchen Größenunterschied die Hirnareale zeigen, die für höhere kognitive Funktionen zuständig sind: die Assoziationszentren im Stirnlappen (präfrontaler Kortex), Schläfenlappen (Temporalkortex) und Scheitellappen (Parietalkortex). Für die Sprachentwicklung ist dabei besonders das Wernicke Areal, das Broca-Areal, der primär auditorische Kortex und der sekundäre und tertiäre auditorische Kortex im Schläfenlappen von Bedeutung.

Aber Masse ist nicht immer gleich Klasse. Neben der quantitativen Volumendifferenz spielt auch die Synapsendichte, die Produktion von Neurotransmittern (z.B. Dopamin aus dem Striatum) und die „Erfindung“ der Spiegelneurone eine Rolle. Die komplexen Verschaltungen zwischen den Zentren, die für Spracherkennung und -produktion zuständig sind, unterscheiden den Menschen ebenso von anderen Primaten wie die Verschaltung des motorischen Kortex mit dem Kehlkopf und den Stimmbändern. Schließlich kann nur der Mensch seinen Kehlkopf willentlich kontrollieren. Genetik? Ja, aber da gibt es ganz wenig an entscheidenden Unterschieden. Varieanten des FOXP2-Gens spielen beim Menschen eine Rolle, auch das SRGAP2C-Gen, dass die Neuronendichte erhöht und das Nervenzellproduktion fördernde NOTCH2NL-Gen. Aber ein für die Sprachentwicklung entscheidend wichtiges Gen wurde bislang nicht gefunden. Auch keine definierte Gruppe von Genen.

Eine andere Hypothese vertritt Christine Kenneally, eine australische Linguistin, die im Spektrum der Wissenschaft im März 2019 die Studienergebnisse der vergangenen Jahre zusammenfasste. Schließlich zeigt sich, dass verschiedene anatomische, genetische oder physiologische Merkmale nicht ausreichen, um die Einzigartigkeit der menschlichen Sprache zu erklären. Wie sonst könnte der Graupapagei Einstein 100 Gegenstände benennen, andere Tierstimmen imitieren und sinnvolle Sätze bilden? Kognitive Fähigkeiten wie die „Theory of Mind“ (das Vermögen, sich gedanklich in andere hineinzuversetzen) finden sich schließlich auch bei Delfinen und Schimpansen. Oder die Frage, ob das Verstehen einer Geste ein entscheidende Schritt in der Sprachevolution darstellt? Nein, schließlich können die Menschenaffen Bonobos lernen, mittels einfacher visueller Symbole mit Menschen zu kommunizieren. Komplexe Klangstrukturen finden sich auch im Gesang von Zebrafinken oder in den wortähnlichen Warnrufen von Meerkatzen.

Wie also entstanden die hochkomplexen, miteinander verknüpften Regelsysteme, nach denen in der menschlichen Sprache, Laute, Silben, Wörter und Sätze miteinander verknüpft werden und Bedeutung vermitteln und Bedeutung schaffen? Die Antwort: Das menschliche Gehirn braucht andere Gehirne in einem sozialen Umfeld, mit denen es interagieren kann. Menschliche Sprache entsteht aus zahlreichen Wurzeln über die lange Zeit durch Lernen, über viele Generationen. Aus anfangs eher ungeordneten Strukturen entstehen gemeinsame Ordnungen, aber in hoher Vielfalt. Sie reproduzieren sich über die Weitergabe, und sie verändern sich, so wie beim Spiel „Stille Post“, bei dem alle scheinbar das gleiche sagen, das Ergebnis am Ende jedoch ein anderes ist. Sprache wächst also evolutionär auf genetischen und anatomischen Grundlagen durch individuelles und kollektives Lernen und aus der Weitergabe von Informationen. So wie hoffentlich aus dieser Newsletter (smiley).

Autor: Henning Rosenkötter

Thorsten Lindenmeyer (Logopädiepraxis in Vaihingen/Enz) und Henning Rosenkötter haben 2006 das Forum Kindersprache gegründet. Wir stellen allen, die sich mit der frühen Sprachentwicklung von Kindern beschäftigen, ein Forum für interdisziplinären Austausch und Fortbildung zur Verfügung.

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